18. Jänner 1998

Auf nach Ghana

 

 Gert setzt mich am Grenzübergang von Togo nach Ghana ab. Hier tummelt sich der Abschaum von Betrügern. Gert sieht mich unsicher an und meint: „Wenn Du den Grenzposten drüben erreicht hast, hast Du’s geschafft.“

„Auf Wiedersehen in Österreich!“ sage ich und gehe los in meinem grünen afrikanischen Kleid und Rucksack. „Mama, hallo, African lady!“-Rufe. Ich dränge mich mit lumpigen Menschen, die Binkeln und Packeln schleppen durch den Holzverschlag – sprich Zoll. Mich winken sie durch – einzige Weiße. Danach, beim ghanaischen Zollhaus ein Einreisepapier ausfüllen, Stempel in Pass. Da rennt ein Bulliger neben mir her ob ich Taxi nach Accra suche, Geld wechseln möchte – insistierend bietet er seine Hilfe an. Am Bankerl aufgefädelt sitzen die Geldwechsler in ihren Kaftans und Käppi. Dorthin führt er mich – hätte ich auch selbst gefunden – ich bin voll Misstrauen. Ich halte die gewechselten Scheine in der Hand. Der Bullige will sie unbedingt angreifen um, wie er sagt, mir zu erklären wie man sie zusammenlegt. Ich erinnere mich plötzlich and die Geschichte von den Taschenspielern, die mir Gert erzählt hat. Ich merke, dass der Geldwechsler dem Bulligen was sagt, da er sehr wohl dessen Absicht kennt. Warnt er ihn? Ich blicke den Geldwechsler an – einen Moment treffen sich unsere Blicke – verstanden – ich stecke mein Geld ein.

 Ich gehe weiter zu den kleinen Bussen und taxiere nur mehr die Gesichter der Fahrer, ob sie halbwegs Vertrauen erweckend sind. Der Sitz neben dem Fahrer gilt in Afrika als zwei Sitzplätze. Wieder erinnere ich mich an Gert’s Tipp: „Wenn Du keine Ziege oder Hühner am Schoß haben willst, kaufe beide Plätze.“ Sofort frage ich nach dem Preis beider Plätze. 400 Cedis je Platz. Ich nehme beide für 800 Cedis (ATS 40,--) und sitze schon drin – mein Rucksack neben mir. Hinter mir füllt sich der Kleinbus mit Menschen und Binkeln. Der Bullige steht draußen und will Geld für seine Dienste und will den Bus aufhalten. Endlich gibt der Fahrer Gas. Mit Hupkonzert und Handzeichen bei Mordstempo gibt er denen am Wegrand zu verstehen, dass er noch mitnehmen will. Wohin will er sie pferchen? Die rasende Fahrt geht auf der schnurgeraden Straße Richtung nebelig-diffusen Horizont.

Wie die Blechkiste bei der Ladung dieses Tempo schafft? Überholmanöver mit Hupkonzert. Die Hupe ist ein Lichtschalter, am Lenkrad installiert. Bei jedem Schlagloch über das wir rumpeln, fliegen die Musikkassetten, die der Fahrer über sich eingeklemmt hat, runter. Immer wieder steckt er sie rauf.

 In jedem Dorf Halt – Ein- und Aussteigen – Frauen mit Esswaren am Kopf treten heran. Dreimal heißt es aussteigen, da die Uniformierten die Binkel kontrollieren und kassieren. Das sein eine Schikane – diskutieren die Fahrgäste – „they only want your money“ – pay and go.

 Wir überqueren den breiten Volta-Fluss. Der freundliche Ghanae hinter mir erklärt mir, dass wir auf der guten Schnellstraße bald in der Hauptstadt Accra sind

 Vor uns fährt ein Kleinbus mit der Aufschrift „Tischlerei Staudinger, Altlassing Stmk., Tel. Nr. ... – Viele hier fahrende Tro-Tros sind alte Fahrzeuge, die importiert wurden.

 In Accra angekommen peile ich ein halbwegs preisgünstiges Guesthouse an, das ich im Reiseführer gefunden habe. Ein ruhig gelegenes Haus neben der deutschen Botschaft. Freundliche Leute, schönes Zimmer, großes Badezimmer. Herrlich eine Dusche um den roten Reisestaub aus Haar und Poren zu schwemmen. Im Geist versuche ich – so betäubt ich auch von allem Neuen bin – einen Umrechnungsschlüssel für die Ghanaischen Cedis zu konstruieren. Um 20 Uhr ins Bett.

 Ich hab’s geschafft  - nach Accra!

 19. Jänner 1998

 Nach so viel Schlaf bin ich zuversichtlich. Nach einem herrlichen Frühstück mache ich mich zu Fuß auf den Weg in die Stadt. Ich muss telefonischen Kontakt zu Bella aufnehmen. Er ist Ghanae und Lektor an der Uni Innsbruck. Er organisiert und führt die Studentengruppe, der ich mich anschließen werde.

 Der große Markt hat ein anderes Flair als der Grand Marché in Lomé. Dicht aneinander die leuchtend roten Schoten, grüne Okras, getrocknete Fische, Schweinsfüße, Muscheln, Riesenschnecken, Reis in Körben, usw. Dann die Haushaltsgeräte, Unterwäsche, Schuhe und endlich die Halle mit den Stoffen – made in Ghana. Gleich neben den engen Bretterkojen mit Stoffen die engen Kojen der Schneider. Mit handgetriebenen Nähmaschinen und Stickmaschinen Marke Singer wird hier emsig gearbeitet.

 Erschöpft kehre ich zum Eingang zurück. Der freundliche Zwiebelverkäufer lädt mich zum Niedersetzen auf der Band des Musikkassettenverkäufers ein. Sein Name ist Australia – weil er dort gerne wäre. Er begleitet mich zum Telefon. Durchs emsige Getriebe des Marktes versuche ich zwischen allem hindurch hinter ihm zu bleiben. Die Post mit Telefon ist in einer Bretterbude untergebracht – aber meine Botschaft an Bella funktioniert.

 Zurück zum Musikbankerl. Australia kauft mir Orangen und Bananen und will kein Geld dafür nehmen. Vom Bankerl aus kann ich das Kommen und Gehen, die Gewänder, die Verkäufer beobachten. Die Polizisten, die mit großen Holzknüppeln auf den Boden schlagen, vor dem Tomatenkorb einer Marktfrau – und sie flüchtet sofort – zurück zu dem Gehsteigrand wo sie sein darf. Sie wollte ihre Tomaten in erster Linie zwischen den Fußgängern anbieten. Alles ist geregelt.

20. Jänner 1998

 Ich treffe Bella in dem kleinen Office seines Bruders, dem moslemischen Autoreifenhändler und werde dort sehr freundlich begrüßt in dem „Dorf“ in der Stadt. Bella betet mit den Moslems auf der Matte – seine Socken sind einwandfrei, die der anderen haben Löcher.

 Ich erfahre alles über die geplante Rundreise und wo ich die Gruppe treffen werde. Ich beschließe, die Tage bis zur Ankunft der Studenten in Kokrobite, einem Kulturzentrum am Atlantik, zu relaxen und Tanzstunden zu nehmen.

 25. Jänner 1998

 Zurück in Accra. Es ist Sonntag – kein geschäftiges Markttreiben. Ich will ein touristisches Restaurant im Arts Centre aufsuchen um etwas zu trinken. Aber dort ist eine afrikanische Messe im Gang mit Trommeln, Singen, Tanzen, Predigen und Beten – stundenlang!

 Wieder Nichts! Ein Junge spricht mich an, ob ich ihm eine von ihm geschnitzte Holzschachtel – ein Oware-Spiel abkaufen will. Ich sage: „I need a drink!“ – Und damit beginnt die Geschichte: JOSEPH